Welternährung: 820 Millionen Menschen hungern

 

 

 

 

Dass bis 2030 kein Mensch auf der Erde mehr Hunger leidet, wird kaum noch zu schaffen sein. Im Gegenteil, warnt die FAO: Wirtschaftskrisen werden die Lage verschärfen.

 

 

 

Bis zum Jahr 2030 soll niemand mehr Hunger leiden, das hatten sich die Vereinten Nationen vor vier Jahren vorgenommen. Ein großes Ziel – und es ist kaum noch zu erreichen, wie Wissenschaftler unter Federführung des Entwicklungsökonomen und UN-Sonderberaters Jeffrey Sachs erst kürzlich schrieben. Tatsächlich steigt die Zahl der Hungernden, statt zu sinken: Im Jahr 2018 waren es 820 Millionen Menschen. Das geht aus dem jährlichen, gerade aktuell veröffentlichten Bericht der UN-Welternährungsorganisation FAO zum Stand der weltweiten Nahrungsmittelsicherheit hervor.

Zum Vergleich: Im Jahr 2014, kurz bevor sich die Vereinten Nationen ihre neuen, ehrgeizigen Entwicklungsziele gaben, hungerten noch 784 Millionen Menschen. Bis dahin war die Zahl stetig gesunken. Doch seither steigt sie erneut, und zwar in fast allen afrikanischen Ländern, im westlichen Asien, in Lateinamerika und in der Karibik. In Afrika hungert fast ein Fünftel der Bevölkerung. Das ist mehr als in jeder anderen Region.

Auch in den reichen Ländern Westeuropas und Nordamerikas leiden viele Menschen Mangel. Dem FAO-Bericht zufolge haben acht Prozent der Bevölkerung hier keinen regelmäßigen Zugang zu sicheren, nährstoffreichen und ausreichenden Lebensmitteln. Sie leben in Ernährungsunsicherheit – so wie rund 1,2 Milliarden Menschen weltweit.

Welternährung: Eine Mutter mit ihren Kindern in Buenos Aires. In Argentinien sind in den vergangenen Monaten Tausende in die Armut abgerutscht, weil sie ihre Arbeit verloren und jetzt nicht einmal eine Chance auf eine prekäre Beschäftigung haben. Die Arbeitslosigkeit wächst.

Eine Mutter mit ihren Kindern in Buenos Aires. In Argentinien sind in den vergangenen Monaten Tausende in die Armut abgerutscht, weil sie ihre Arbeit verloren und jetzt nicht einmal eine Chance auf eine prekäre Beschäftigung haben. Die Arbeitslosigkeit wächst.

© Emiliano Lasalvia/AFP/Getty Images

 

Zwei Milliarden Übergewichtige

Zugleich, und das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch, nimmt die Zahl der Übergewichtigen und Fettleibigen zu. Im Jahr 2016 waren zwei Milliarden Erwachsene weltweit übergewichtig, das sind die neusten verfügbaren Daten. Etwa ein Drittel von ihnen galt als fettleibig. Die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen überstieg die 300 Millionen.

Unterernährung und Fettleibigkeit hängen dabei oftmals zusammen. Gerade in reicheren Ländern scheinen Schulkinder, Jugendliche und Erwachsene aus Haushalten ohne gesicherten Zugang zu hochwertigen Nahrungsmitteln häufiger fettleibig zu sein, schreibt die FAO. Es sei deshalb “unerlässlich”, so das Fazit der Welternährungsorganisation, den Kampf gegen den Hunger mit einer Politik zu verbinden, die “nicht nur den Zugang zu ausreichend Essen sichert, sondern ebenso zu nährstoffreicher Nahrung”.

Abhängig vom Weltmarkt

Gründe für die steigende Zahl der Hungernden sind der FAO zufolge Konflikte sowie Klimaschwankungen und -extreme. Ein extremes Beispiel dafür ist der Jemen, wo der Krieg zu einer schweren Hungersnot geführt hat. Wirtschaftliche Abschwünge oder Rezessionen hätten die Ernährungskrisen aber in vielen Fällen noch verschlimmert und verlängert, zudem hätten sich viele Länder immer noch nicht von der Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 erholt. Auch das “untergräbt die Anstrengungen, Hunger und Unterernährung zu beenden”, schreibt die FAO.

In ihrem Bericht widmet die Organisation dem Zusammenhang zwischen Wirtschaftskrisen und Hunger eine besondere Aufmerksamkeit. Ein Blick auf die 65 Länder, in denen sich die Ernährungslage aufgrund von Wirtschaftsflauten oder -krisen besonders schlecht entwickelt hat, zeige etwa, dass diese Länder überproportional stark vom Handel mit Rohstoffen abhängen. Damit seien sie besonders anfällig für Preisschwankungen auf dem Weltmarkt. Viele importieren außerdem einen großen Teil ihres Bedarfs an Lebensmitteln und mussten ihre Währung gegenüber dem US-Dollar abwerten – so wurde Nahrung teurer.

Der Bericht kommt außerdem zu dem Schluss, dass Wirtschaftskrisen in Ländern mit großer sozialer Ungleichheit mehr Schaden anrichten als anderswo – und wenn diese Länder auch noch arm sind, sei der Schaden noch einmal größer. “Erstaunlicherweise” sei das aber nicht die Mehrheit der Länder, schreibt die FAO. 44 der 65 fallen in die Kategorie der Länder mit mittlerem Einkommen, etwa Nigeria, die Türkei, Costa Rica und Malaysia.

Wirtschaftswachstum allein reicht nicht

Um die künftige Entwicklung von Hunger und Unterernährung gut zu verstehen, sei es entscheidend, den Zusammenhang zwischen Konjunkturabschwüngen, Wirtschaftskrisen und Ernährungsunsicherheit genau zu betrachten, schreibt die Organisation. Schon jetzt befänden sich viele Länder in einer schlechten wirtschaftlichen Lage. Die Arbeitslosigkeit nehme zu, die Einkommen würden sinken, und das gefährde den Zugang zu ausreichend Nahrung. Und der Ausblick sei düster: “Es könnte bald erneut zu einer weltweiten Wirtschaftskrise kommen.”

Darauf müssten sich die Regierungen vorbereiten – zum Beispiel mit einer Sozialpolitik, die dazu beitrage, die Auswirkungen der Krise abzumildern. Die FAO fordert eine entschlossene Politik gegen Ungleichheit und Armut – Wirtschaftswachstum allein reiche nicht aus. Kürzungen grundlegender Dienstleistungen aber, etwa im Bildungs- und Gesundheitssystem, seien in der Krise “unter allen Umständen” zu vermeiden.

 

 

 

 

 

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