NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) ruft die Bevölkerung auf sich mit Notvorräten einzudecken.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) ruft die Bevölkerung auf sich mit Notvorräten einzudecken.

Noch vor wenigen Jahren galten „Prepper“ als eine Art Staatsfeinde. Ihr Drang, Lebensmittelvorräte zu lagern, wurde von staatlichen Vertretern als Akt des Aufruhrs betrachtet. Nun ruft der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) selbst dazu auf, Vorräte anzulegen. Damit offenbaren er und andere Politiker, wie dünn das Eis an manchen Stellen geworden ist.

 

Zu den ersten öffentlichen Feindbildern in der Pandemie gehörten im März 2020 die Menschen, die sich Vorräte anlegten. Vor allem, wenn Toilettenpapier darunter war. Die Hamsterkäufe seien unsozial, hieß es seinerzeit. Andere kämen so gar nicht oder schwerer an Produkte des täglichen Bedarfs. Und tatsächlich gab es bei bestimmten Produkten vereinzelte, vorübergehende Lieferengpässe.

Vorräte zu sammeln, gilt grundsätzlich als ängstlich und spießbürgerlich. Manchen stört aber auch das Misstrauen in die Leistungsfähigkeit des Staates in der Krise, die das Horten von Lebensmitteln durchscheinen lässt. 2018 widmete die FAZ der Prepper-Szene ein ausführliches Stück, in dem sie die Gefährlichkeit der Prepper betonte: „Prepper sehen sich selbst als Überlebende: von Bürgerkrieg, Hungersnot und Seuchen und heute von Finanzmarktkrisen, Terroranschlägen, manche sagen, auch von Angela Merkels Wiederwahl. Ganz besonders fürchten sie den Tag X.“

Nun könnte der Tag X näher gerückt sein. Denn Anfang der Woche warnte Reul: „Katastrophen können auch jeden Tag hier bei uns stattfinden.“ Deswegen empfahl der Innenminister den Bürgern, Notvorräte anzulegen: Wasser, andere Lebensmittel, Kerzen, eine Taschenlampe, eine Hausapotheke, ein batteriebetriebenes Radio oder eine geladene Powerbank fürs Handy seien nie verkehrt, sagte Reul.

Reul bemühte sich um einen sachlichen Ton, der nicht dazu beiträgt, Panik zu schüren. Das gelang Stefan Sternberg (SPD) Anfang der Woche in den Tagesthemen nicht. Der Landrat im Kreis Ludwigslust-Parchim sprach mit gehetzter Stimme von „bitterem Ernst“ und dass wir ganz schnell umsteuern müssten. Sonst drohe eine „riesige Belastungsprobe“, in der auch die Versorgung mit Lebensmitteln in Frage stehen könnte – und das alles mit der Stimme eines Mannes, der im Supermarkt gerade die Schlacht um den letzten Achterpack Toilettenpapier gewonnen hat.

Jetzt ist Sternberg nicht irgendein Kommunalpolitiker. Er sitzt in dem Expertenrat, der Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) im Umgang mit der Pandemie berät. Wenn so jemand zur besten Sendezeit vom möglichen Zusammenbruch der Lebensmittelversorgung spricht, könnte das Panikreaktionen auslösen – oder zumindest zu Hamsterkäufen führen, wie es sie zu Beginn der Pandemie gegeben hat.

Aufruf, Notvorräte anzulegen: Minister deutet Schwachstellen in der Lebensmittelversorgung an

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) ruft die Bevölkerung auf sich mit Notvorräten einzudecken.

 

 

Kommunen versorgen sich mit Notstromaggregaten

Doch die Panik bleibt aus, berichten lokale Tageszeitungen. Zwar klaffe hin und wieder mal eine Lücke im Regal, doch die Situation sei lange nicht so schlimm wie im Frühjahr 2020. Zumal momentan ohnehin ein starker Kundenandrang normal sei – wegen der Festtage. Auch wichen viele Kunden den Corona-Regeln im Einzelhandel aus und versorgten sich in Supermärkten oder über das Internet.

Die Leute bleiben also ruhig. Vorerst. Denn Sternberg hat seinen bemerkenswerten Auftritt in den Tagesthemen damit verbunden, für härtere Maßnahmen in der Pandemie-Bekämpfung zu werben. Mag sein, dass nach fast zwei Jahren Daueralarm die Erregbarkeit der breiten Masse ein wenig abgenommen hat. Denn die Szenarien, die Reul und Sternberg beschreiben, sind tatsächlich alles andere als irrational.

Die Industrie zumindest hat die Situation erkannt. Hier gibt es Notkäufe, wie der Bayerische Rundfunk berichtet. So habe etwa der Verband der Elektroindustrie darauf aufmerksam gemacht, dass „zahlreiche Unternehmen“ mehr bestellten als nötig. Sie fürchteten, die Ware im nächsten Jahr nicht mehr zu erhalten. Und auch das europäische Stromnetz ist durchaus fragil, wie der Physiker Antonio Maria Turiel im Interview erst jüngst sagte.

Die Kommunen reagieren, versorgen sich mit Notstromaggregaten, wie etwa die RNZ über Sinsheim oder der Schwarzwälder Bote über Schonach berichten. Doch auch auf dem privaten Markt seien die Aggregate gefragt: „Das zieht sich über alle Bereiche, von Geräten für öffentliche Institutionen und Unternehmen bis zum privaten Bereich“, sagte Christian Weiss, Produktmanager für Stromerzeuger bei der Elmag, vergangene Woche in den Oberösterreichichen Nachrichten. Im Oktober und November habe sein Unternehmen so viele Notstromaggregate verkauft wie sonst in einem ganzen Jahr.

Vielleicht könnte das Feindbild des März 2020, der Toilettenpapier-Horter, zuletzt am besten lachen. Wenn seine Notvorräte im Katastrophenfall plötzlich gefragt sind. Sollte allerdings das Stromnetz weitflächig ausfallen – und sei es nur für einige Tage -, dann hätten die Menschen vermutlich auch wieder andere Sorgen als einen sauberen Hintern.

 

 

 

Von Mario Thurnes

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alexandra

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