“Krebs betrifft alle”: Die Geschichte hinter dem Bild, das die Welt bewegt

“Krebs betrifft alle”: Die Geschichte hinter dem Bild, das die Welt bewegt

 

 

 

 

Ein Junge mit kahlem Kopf steht auf beide Hände gestützt vor einer Toilettenschüssel. Daneben: Seine Schwester, die ihm unterstützend die Hand auf die Schulter legt. Das Foto der Kinder ging um die Welt – die Worte der Mutter auch. Bei FOCUS Online erzählt sie, warum sie den privaten Moment im Internet teilte und wie es dem Vierjährigen heute geht.

Beckett Burge ist vier Jahre alt, mit seiner Familie lebt er im US-Bundesstaat Texas. Vor eineinhalb Jahren, im April 2018, diagnostizieren Mediziner bei ihm eine besonders aggressive Form von Blutkrebs. Bis heute muss der kleine Junge zehn bis zwölf Tabletten schlucken, morgens und abends, jeden Tag.

Die Chemotherapie, die die Krebszellen in seinem Blut abtöten soll, wird mindestens bis 2021 fortgesetzt werden müssen, sagen seine Ärzte. Sonst hat sein Körper gegen den Krebs keine Chance.

Povezana slika

Krebs betrifft nicht nur Erkrankten selbst

Das Mädchen zu Becketts Linken auf dem Foto ist seine Schwester Aubrey. Sie ist ein gutes Jahr älter als ihr Bruder. Es scheint, als wolle sie Beckett etwas von seiner chemobedingten Übelkeit nehmen, die ihn über der Toilettenschüssel hängen lässt. Fürsorglich legt sie ihm die rechte Hand auf die Schulter. Seine Rippen und Schulterblätter sind durch die dünne Kinderhaut hindurch deutlich sichtbar, so dünn ist er.

Gemacht hat das Foto Kaitlin Burge, die Mutter der beiden. Sie war es auch, die das Bild vor Kurzem öffentlich auf Facebook teilte. „Um zu zeigen, dass nicht nur die Eltern an der Krankheit ihrer Kinder teilhaben, sondern auch deren Geschwister“, wie sie im Gespräch mit FOCUS Online sagt. Denn nicht nur für ihren krebskranken Sohn hätte sich das Leben nach der Diagnose um 180 Grad gedreht. Auch das seiner Schwester sei heute ein anderes als vorher.

Spannend, aber gerade keine Zeit?

„Der lebhafte, vor Energie sprühende kleine Bruder, den Aubrey kannte, war auf einmal ruhig, krank und schlief ständig“, erzählt die Amerikanerin. „Er wollte nicht mehr mit ihr spielen. Das konnte sie zuerst nicht verstehen. Auch nicht, dass er bisher immer herumlaufen konnte und auf einmal nicht mehr ohne Hilfe stehen konnte. Dass sie in den Kindergarten musste und er nicht. Alles, was sie wusste, war, dass etwas nicht stimmte mit ihrem Bruder, mit ihrem besten Freund.“

Andere Eltern versuchen gesunde Kinder abzuschirmen

Mittlerweile hat Aubrey gelernt, dass ihr Bruder schwerkrank ist, dass er ihre Unterstützung braucht. „Sie macht das toll“, erzählt Kaitlin im Gespräch mit FOCUS Online weiter. „Sie ist bei ihm – auch wenn er sich übergeben muss. Sie passt immer auf ihn auf.“ Eine Situation, die andere Eltern oft versuchen von ihren gesunden Kindern fernzuhalten, die sie ihnen ersparen wollen.

Doch das, was Kinder mehr als alles andere brauchten, sei das Zusammensein mit ihrer Familie, findet Kaitlin. „Deshalb sollten sie nicht auf Abstand gehalten werden von der Person, die krank ist. Das Wichtigste ist, ihnen zu zeigen, dass sich um sie gekümmert wird, egal was passiert, und dass niemand ausgeschlossen wird.“

„Du bist nicht weniger wichtig als dein Bruder“

Trotzdem musste Aubrey durch die Erkrankung ihres Bruders in der Vergangenheit oft zurückstecken, sagt ihre Mutter. Und muss es heute noch. Das versuchten Kaitlin und ihr Mann so gut es gehe auszugleichen. „Wir verbringen regelmäßig Zeit nur mit ihr, entweder nur ich oder nur mein Mann, um ihr zu zeigen: Du bist nicht weniger wichtig als dein Bruder, auch wenn er oft besonders viel Aufmerksamkeit bekommt.“

Vor allem am Anfang sei die heute 6-Jährige häufig eifersüchtig gewesen auf ihren kranken Bruder. „Für sie waren die ganzen Behandlungen etwas Besonderes, das er bekam – und sie nicht“, erklärt Kaitlin. Dafür unternehmen die Eltern inzwischen oft gezielt Dinge mit ihrer Tochter, für die ihr Bruder zu schwach ist, die ihr aber Freude bereiten: in Park gehen, ihre Oma besuchen, Turnen. „Sowas macht ihr Spaß.“

Negatives ist in den sozialen Medien für viele tabu

Die Verbindung von Bruder und Schwester habe sich durch den Krebs intensiviert, sagt Kaitlin. Sie seien vertrauter miteinander, inniger als früher.

Sie beide wüssten von dem Foto, das ihre Mutter Anfang September auf Facebook geteilt hat. Weil sie es wichtig findet, offen mit der Krankheit umzugehen, wie sie sagt. Alle zeigten auf Facebook, auf Instagram, in den sozialen Medien immer nur die Sonnenseiten ihres Alltags. Urlaube, Geburtstage, Sonnenuntergänge. Doch das Leben bestehe nicht nur aus Schönem. „Ich möchte meine Familie, unsere Freunde auch an den schweren Zeiten teilhaben lassen.“

 

Tausende nehmen Anteil am Schicksal der Familie

Seitdem Kaitlin das Foto und einen kleinen Text auf Facebook veröffentlicht hat, nehmen Tausende Menschen Anteil am Krankheitsschicksal der Familie. Mehr als 68.000 User haben den Beitrag geliked. Über 40.000 Mal wurde er auf anderen Kanälen geteilt. Nachrichten aus Dutzenden Bundesstaaten haben die Mutter seither erreicht. Internationale Medien haben über Becketts Geschichte berichtet.

Der Amerikanerin geben die aufmunternden Worte der vielen Fremden aus dem Netz Kraft, wie sie sagt. Besonders bewegen würden sie die Kommentare und Nachrichten von Eltern, deren Kinder Ähnliches bereits durchlebt hätten. „Manche schreiben zum Beispiel: Die Ärzte haben uns damals auch gesagt, unser Kind würde nie so alt werden, dass es einen Schulabschluss machen wird – und heute ist es 25 Jahre alt und gründet eine Familie.“

Reaktionen wie diese würden Kaitlin helfen, die Hoffnung nicht zu verlieren. Denn der Blutkrebs verlange nicht nur ihrem Sohn viel ab. Auch für sie ist die Betreuung von Beckett ein Vollzeitjob ohne Feierabend – wenngleich sie diesen tapfer zu bewältigen scheint.

Beckett kämpft weiter

Mit drei Familien aus der näheren Umgebung sind die Burges seit Kaitlins Post in sehr engem Kontakt. Sie schreiben sich täglich über einen Messengerdienst. „Manchmal bringen sie sogar was zum Essen vorbei“, erzählt die Mutter. „Sie unterstützen uns. Das ist toll.“

Entstanden sei das Foto schon im Januar, zuhause im Badezimmer der Familie in Frisco, einer Stadt nahe Dallas im US-Bundesstaat Texas, wo die Burges bis vor einigen Wochen wohnten. Deutlich verbessert hat sich Becketts Gesundheitszustand seither nicht, aber er kämpfe weiter, wie seine Mutter sagt. Die Flut an guten Wünschen und Anteilnahme aus aller Welt ist in jedem Fall riesig.

focus.de

1,229 total views, 2 views today

alexandra

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.